100 Jahre Kernser Bibliotheksgeschichte

Bibliothek des Borromäusvereins
Die Kernser Bibliotheksgeschichte begann schon vor dem Ersten Weltkrieg. Im Jahre 1911 wurde in Kerns der Borromäusverein unter Kaplan Forster gegründet. Der Borromäusverein hatte seine Anfänge vor über 150 Jahren in Deutschland und ist auch heute noch ein gemeinnütziger, kirchlicher Verein «zur Förderung des katholischen Lebens und zur Begünstigung guter Schriften und Bücher». Hauptaufgabe war «Empfehlung und Verkauf geeigneter Medien». So wurde in Kerns im alten Schulhaus an der Sarnerstrasse bzw. am Postplatz eine Bibliothek eingerichtet. Wenn man von der Strasse her über die Aussentreppe eintrat, befand sie sich zuerst rechts im 1. Stock im Schulzimmer der 4. und 5. Klasse Knaben (Lehrer Windlin), später im Untergeschoss. Betreut wurde diese erste Buchausleihe von Anni Hess aus der bekannten, kulturell sehr engagierten Familie Hess, welche das Hotel Restaurant Rössli führte. Die Buchausleihe fand hier jeden Sonntagnachmittag nach der obligatorischen Christenlehre um 14.00 Uhr statt. Nach dem Bau des Schulhauses Büchsmatt im Jahre 1957 unter dem damaligen Gemeinderatspräsidium von August Bucher wurde die Bibliothek dort ins Untergeschoss umplatziert. Die Wandschränke des sogenannten Milchsuppenlokals, hergestellt von der Schreinerei Röthlin, wurden speziell für diese in braunem Packpapier eingefassten Bücher eingerichtet. Es war noch keine Freihandbibliothek. Frau Theres Hess, Schwester von Anni Hess, genannt Rössli Resi, empfahl und lieh persönlich die Bücher am Mittwoch- und Samstagnachmittag aus. Auch Marie Röthlin, genannt Bachli Marie, leistete Aushilfe. Der gesamte Bestand der Borromäusbibliothek im Milchsuppenlokal ging dann mit der Neueröffnung des Pfarrhofes im Jahre 1983 in die Pfarreibibliothek über. Eine weitere Bibliothek, welche sich seit längerer Zeit im Lehrerzimmer der Schule Kerns befand, wurde «Schulbibliothek Kerns» (Stempel) genannt, womit man heute eher eine Lehrerbibliothek meint.

Bibliothek des Jungmannschaftsvereins
Nebst diesen Bibliotheken gab es noch die Bibliothek des Jungmannschaftsvereins. «In den 1930er-36 wurden in allen Pfarreien Sektionen des Schweizerischen Katholischen Jungmannschaftsverbandes (SKJV) gegründet. Ziel der Jungmannschaft war die religiös-kirchliche und politisch katholische Haltung der männlichen Jugend. Geleitet wurden die Ortsvereine durch die meist jungen Kapläne. Gemeinschaftserlebnisse wie Wanderungen, Velotouren und Vorträge über alle möglichen Gebiete des Allgemeinwissens waren ebenso wichtig und gefragt wie religiöse Themen. Die Jungmannschaft bot auch religiöse Gemeinschaftserlebnisse wie Wallfahrten, das Patronatsfest am Christkönigsfest oder grosse Aufmärsche z.B. an Katholikentagen oder bei der «Gelöbniswallfahrt 1946 nach Einsiedeln». (K. Imfeld) Die 300 bis 400 Bände dieser Bücherei enthielten die Anschrift «Jungmannschaft – S.K.J.V. – Kerns» und wurden von der Pro Juventute gestiftet. Die Bibliothek und das Vereinslokal befanden sich in der Waschküche hinter dem ehemaligen Waisenhaus, später Schwesternhaus, wo sich heute ein Kindergarten (Dorfstrasse 2) befindet. Der Verein mit seiner Bibliothek wurde 1970 als Pfarreiverein aufgelöst, Nachfolgeorganisation war «Junges Kerns».

Schulbibliothek
Eine Schulbibliothek im modernen Sinn bestand schon vor der Pfarreibibliothek. Schwester Adalberte, eine Baldegger Schwester, welche die 1. Realklasse unterrichtete, initiierte und führte die Oberstufenbibliothek im Gruppenzimmer des oberen Stockes des Dossenschulhauses ab 1977 und übergab sie 1980 an Urs Grämiger, der sie dort weiterführte bis zum Bau des neuen Schulhauses Sidern 1992. Auch die Mittel- und Unterstufe der Primarschule besass eine Schulbibliothek. Ab 1982 (erste Bücher tragen den Datumstempel: 9. März 1982) wurde sie im «Erkerzimmer» des Büchsmattschulhauses vermutlich mit Hilfe von Pro Juventute-Geldern eingerichtet und später ebenfalls mit dem Mobiliar in die Gesamtschulbibliothek im Sidernschulhaus eingefügt. Auf Beginn des Schuljahres 1992/93, wurde die Schulbibliothek an zentraler Lage neu eröffnet. Bald war auch die Primarlehrerin Heidi von Atzigen eine konstante Kraft im Bibliotheksteam. Die nahe Lage der Schulbibliothek zu den Schulzimmern und der offene Zugang wurde von Schülern und Lehrpersonen sehr geschätzt. Doch waren die Entwicklungsmöglichkeiten im Angebot, in den räumlichen Verhältnissen, in der Verwaltung, Ausleihe und in der zeitlichen Betreuung durch ausgebildetes Personal leider begrenzt. Der Einwohnergemeinderat Kerns beschloss den Weg einer Zusammenlegung von Pfarrei- und Schulbibliothek zu gehen. Ende Mai dieses Jahres fand die letzte Ausleihe der Schulbibliothek statt, der Standort der Schulbibliothek wurde nun nach 33 Jahren in den Pfarrhof verlegt.

Pfarreibibliothek
Mit dem Neubau des Pfarrhofs im Jahre 1982 wurde auch eine Bibliothek mitgeplant. Im Mai 1983 wurde die Pfarreibibliothek eröffnet. Bis zum Jahr 1991 wurde diese von Rita Durrer-Kaufmann ehrenamtlich aufgebaut und geführt. 5 Mitarbeiterinnen und 1 Mitarbeiter standen ihr zur Seite. 1991 übernahm Barbara Enderli-Huber die Leitung der Bibliothek. 1998, zum 15-Jahr-Jubiläum, wurde der gesamte Bestand der Bibliothek auf EDV erfasst. Die Angebotserweiterung von Nonbooks (Videos, heute DVDs und Hörbücher) wurde ermöglicht und ist heute nicht mehr wegzudenken. Auch die Ausleihzahlen stiegen kontinuierlich an, so dass ein Bedürfnis nach mehr Platz immer vordringlicher wurde. Jetzt, 2009, ist mit dem grosszügigen Neubau im Pfarrhof die Pfarreibibliothek zu Ende. Sie wird in Zukunft von der Einwohnergemeinde, zusammen mir der Schulbibliothek, als «Bibliothek Kerns» weitergeführt.

Dieser Versuch einer Darstellung der recht komplexen Kernser Bibliotheksgeschichte ist unvollständig und erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Urs Grämiger-Britschgi
Quellen:
– Karl Imfeld: Volksbräuche und Volkskultur in Obwalden, Brunner-Verlag Kriens 2006
– mündl.: Karl Durrer-Michel, Papeterist und Buchbinder, Sidernstrasse 3, Kerns
– http.//www.borro.de– Ausführungen von Barbara Enderli-Huber